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Mit der Straßenbahn ins Kloster

 
Dass Straßenbahnen im Moskauer Stadtleben eine durchaus gewichtige Rolle spielen, weiß jeder, der zumindest das erste Kapitel von „Der Meister und Margarita“ gelesen hat, Bulgakows Jahrhundertroman, der auch gern als der „russische Faust“ bezeichnet wird. Meine Idee an diesem Samstag ging auf eine Lektüre ganz anderer Art zurück. Ich hatte nämlich in der Moskauer Deutschen Zeitung einen Artikel darüber gelesen, dass sich einige Straßenbahnlinien hervorragend für Stadtrundfahrten nutzen lassen, allen voran die Linie 39.

 
Da ich bis zu meinem nächsten Treffen noch einige Stunden Zeit hatte, fuhr ich mit der Metro zur Station Tschistyje prudy, einer der beiden Endhaltestellen der Linie 39. „Du kannst sie gar nicht verfehlen, sie fährt direkt am Gribojedow-Denkmal ab“, hatten mir meine Freunde mit auf den Weg gegeben. Da mir der Sinn ohnehin nach Sightseeing stand, schaute ich mir das Dichterstandbild auch gleich genauer an und wurde nicht enttäuscht.

 
Das Denkmal für den Dichter, der jung gestorben ist und im Wesentlichen durch seine Komödie „Verstand schafft Leiden“ zu Berühmtheit gelangte, zeigt nämlich nicht nur ihn selbst, sondern an zwei Seiten des Sockels auch das bunte Völkchen, das sich in seinem in Versen geschriebenen Theaterstück tummelt. Das ganze Ensemble bildet einen der Zugänge zum Boulevardring, der zwar kein vollständiger Ring ist, aber aus zehn ineinander übergehenden Boulevards besteht, die mitten im Stadtzentrum zum Spazieren einladen. Über diesen Ring verläuft auch der erste Fahrtabschnitt der Straßenbahn.

 
Tatsächlich kann man während einer Fahrt mit der Linie 39 viele Moskauer Sehenswürdigkeiten sehen, so zum Beispiel eines der beiden Wohnhäuser, die zu den „Sieben Schwestern“ zählen. Diese einander recht ähnlichen Hochhäuser ließ Stalin einst erbauen, um Moskau eine moderne Silhouette zu geben. Das bekannteste von ihnen ist das Hauptgebäude der Lomonossow-Universität, an dem sich auch die Endhaltestelle dieser Straßenbahnlinie befindet, außer ihm gibt es noch zwei Hotels, zwei Ministerien, und, wie gesagt, zwei Wohnhäuser. Diese haben durch den oscargekrönten Film „Moskau glaubt den Tränen nicht“ zusätzliche Berühmtheit erlangt, da einige der Szenen an oder in diesen Häusern gedreht wurden.

 
Weiter geht es über eine Brücke, und wenn man sich etwas beeilt, erhascht man von dort aus einen wunderbaren Blick auf den Kreml. Um diesen etwas länger genießen zu können, sollte man allerdings aussteigen und mit einer der nächsten Bahnen weiterfahren. Außerdem kann man hier durch den Stadtteil Samoskworetschje spazieren, der, wie der Name schon sagt, hinter der Moskwa liegt. Ich bin jedoch in der Straßenbahn geblieben, weil ich es unbedingt noch schaffen wollte, mir das Danilow-Kloster anzusehen. Es ist eines von zwei an dieser Straßenbahnlinie gelegenen Klöstern und gehört trotz seiner immensen Bedeutung für die Russisch-Orthodoxe Kirche nicht zu den einschlägigen Touristenmagneten der Stadt.

 
Ich habe zum ersten Mal vor vielen Jahren von diesem Kloster gehört, als ich eine Gruppe russisch-orthodoxer Priester betreute, die zu einem Erfahrungsaustausch nach Berlin gekommen waren und mir unter anderem erzählten, dass sich das Kirchliche Außenamt, sozusagen das Außenministerium ihrer Kirche, in eben diesem Kloster befindet. Inzwischen weiß ich natürlich, dass dieses Kloster - gut abgeschirmt, versteht sich - auch den Amtssitz des Patriarchen von Moskau und ganz Russland beherbergt.

 
Erbaut bereits im 13. Jahrhundert, blickt dieses Kloster wie viele andere in Russland auf eine mehr als wechselvolle Geschichte zurück. Einerseits gehörte es einmal zur Moskauer Stadtbefestigung und viele bedeutende Persönlichkeiten wurden auf seinem Friedhof beerdigt, andererseits wurde es wie unzählige andere kirchliche Immobilien nach der Oktoberrevolution zweckentfremdet. Die Dreifaltigkeitskathedrale wurde erst als Mehllager für ein Brotkombinat genutzt, und ab 1930 gab es in den Klostergebäuden ein Aufnahmelager für Straßenkinder und jugendliche Straftäter, doch auch Kinder von Eltern, die im Zuge der Repressionen zum Tode verurteilt worden waren, kamen hierher. Das war mit Sicherheit eine der dunklen Seiten der Klostergeschichte. 1988, zum 1000. Jubiläum der Christianisierung Russlands, wurde das Kloster an die Kirche zurückgegeben, woran bis heute eine über einem Brunnen errichtete Kapelle erinnert.

 
Mein Ziel war es eigentlich gewesen, auch die restliche Strecke bis zur Universität noch mit der Straßenbahn zurückzulegen, doch wie es manchmal eben so ist, kam mir letztendlich etwas dazwischen. In diesem Fall war es wieder eine Kirche. Ich hatte sie während der Fahrt gesehen, und da es direkt vor der Kirche eine Haltestelle gab, stieg ich kurzentschlossen aus. Anders, als ich es von orthodoxen Kirchen kenne, war sie zwar verschlossen, aber immerhin konnte man außen um die Kirche herumgehen und sie von allen Seiten fotografieren. Inzwischen habe ich herausgefunden, dass es sich dabei um die Kirche der Ikone der Gottesmutter von Tichwin handelt, die 1911/12 von einer Gemeinde von Altgläubigen gebaut wurde.

 
Leider blieb mir danach keine Zeit mehr, der Linie 39 bis zu ihrer Endhaltestelle zu folgen, doch ein Spaziergang über den fast menschenleeren Boulevard bis zur Metrostation „Tulskaja“ entschädigte mich dafür vollauf. An der Metro angekommen, tauchte ich dann wieder in das Großstadtleben einer vielspurigen Straße ein, tat das aber mit dem guten Gefühl, eine Moskauer Gegend für mich entdeckt zu haben, die den meisten Touristen wahrscheinlich verborgen bleibt.

 
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