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Matjes und Bonbons

Es ist ein regnerischer Frühherbstsamstag, und unser Ausflug an die Ostseeküste ist nicht eben gerade von Kaiserwetter begleitet. Es nieselt vor sich hin, und die dunkelgraue Wolke direkt über uns verheißt auch keine idealen Bedingungen für einen idyllischen Strandspaziergang. Das Seeschlösschen, in dem wir eigentlich gemütlich Kaffee trinken wollten, bereitet sich ausgerechnet heute auf eine geschlossene Gesellschaft am Abend vor und ist deshalb selbst bereits am Nachmittag geschlossen, und so deuten nur die inzwischen verwaisten Strandkörbe darauf hin, dass es in der Hochsaison bei Sonnenschein hier wohl ganz anders aussehen muss. Mit viel Fantasie kann man sich Sandburgen bauende Kinder und kitesurfende und Jetski fahrende Jugendliche vorstellen, doch an diesem eher rauen Septembertag ist davon weit und breit nichts zu sehen.

Was also tun, wenn man sich eigentlich „alternativlos“ auf einen Strandspaziergang eingestellt hat? Nach Kiel in die Stadt fahren? Dafür ist die Zeit, die wir hier verbringen zu kurz und der Nachmittag schon zu weit fortgeschritten. In eines der Meerwasserschwimmbäder, die es hier in vielen Orten gibt? Gute Idee, aber wo sind die Badesachen? Da wir derlei nicht vorgehabt hatten, natürlich zu Hause, wohl verwahrt im Schrank. Somit entfällt diese Möglichkeit für dieses Mal auch.

Dennoch wollen wir den Nachmittag noch nicht verloren geben, und so liegt die Entscheidung nahe, nach Eckernförde zu fahren, weil das einerseits ein hübsches Städtchen mit einem urigen Hafen ist und man dort andererseits trotz allem am Wasser spazieren gehen kann. Allerdings ist das bei Weitem nicht das Einzige, was mich dorthin zieht. Vor Jahren waren wir schon einmal dort und haben zu meiner großen Freude an besagtem Hafen viele kleine Verkaufswagen für Matjes, Backfisch & Co. entdeckt, jeweils gut verpackt in knusprige Brötchen, sodass beim Weiterschlendern ein genüssliches Wir-sind-an-der-Küste-Gefühl aufkam.

Diesem Gefühl helfen diesmal schon einige höchst unterschiedliche Meerjungfrauen nach, die in Stein gehauen und in Metall gegossen die Uferpromenade bevölkern. Ob sie mir damals nicht aufgefallen oder in der Zwischenzeit erst hier an Land gegangen sind, weiß ich nicht einmal zu sagen. Auf jeden Fall ist es interessant zu sehen, wie unterschiedlich die verschiedenen Künstler das Thema interpretiert haben. Das scheint anderen Passanten ebenso zu gehen, denn ich bin bei Weitem nicht die Einzige, die mit der Handykamera davor steht und nach dem besten Blickwinkel sucht. Dennoch kann man nicht behaupten, dass es vor Menschen wimmeln würde, das auch hier mehr als mäßige Wetter hält wohl die meisten von Unterfangen wie ausgedehnten Spaziergängen ab.

Wir aber haben ein für alle Mal beschlossen: „Wir sind ja nicht aus Zucker!“, und so hält uns auch nichts davon ab, noch die eine oder andere Eissorte aus einem kleinen italienischen Eckcafé zu probieren. Das eigentliche Ziel unseres Spaziergangs liegt jedoch noch vor uns und wurde mit Bedacht ausgewählt, denn zum einen ist es dort mit Sicherheit trocken, zum anderen versüßt es einem im wahrsten Sinne des Wortes auch das scheußlichste Herbstwetter. Das Haus, dem wir nun so zielsicher entgegen gehen, sieht auf den ersten Blick aus wie ein normales Wohnhaus, aber das Hinterhaus hat es in sich. Es beherbergt nämlich eine Bonbonkocherei und inzwischen auch einen Schokoladenladen.

Die Bonbonkocherei hat sich in den gut zehn Jahren ihres Bestehens zu einer wahren Institution gemausert. Hier kann man nämlich mit ansehen, wie die bunten Zuckerstränge gezogen und dann mit Hilfe alter Walzen und Stanzen in die verschiedensten Formen gebracht werden. Der Sortenvielfalt sind dabei von Sanddorn bis Pflaume-Vanille schier keine Grenzen gesetzt, und auch die Formen variieren von Blättern bis hin zu Fischen, die hier natürlich als Kieler Sprotten definiert werden. Dass man all die Leckereien nach der Vorführung auch kaufen und sich somit noch ein bisschen Eckernförder Flair mit nach Hause nehmen kann, versteht sich natürlich von selbst.

Wir wurden auch diesmal nicht enttäuscht. Auch wenn wir kurz vor dem Ladenschluss erst ankamen, sahen wir noch ein Stück der Vorführung und konnten gleich darauf das Ergebnis in Form von quietschgrünen Waldmeisterblättern verkosten. Im Nu waren das wenig anheimelnde Wetter draußen und der verpasste Strandspaziergang vergessen, denn die fruchtig-süßen Bonbons, die noch Wochen später Hosen- und Jackentaschen bevölkerten, waren mehr als eine willkommene Entschädigung.
 
 
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