- Literatur - Reiseblog

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Avignon, 10.09.1991 (Dienstag)

 
Auch heute stand für uns wieder ein Stadtmarathon auf dem Programm, der sich aber mehr als gelohnt hat: Avignon ist es wert, sich so intensiv wie in der kurzen Zeit möglich mit seiner Geschichte und Kultur zu befassen. Nach einem ziemlich ausgiebigen Spaziergang durch das Zentrum landeten wir dort, wo unweigerlich alle Touristen, die nach Avignon kommen, hinpilgern – im Palast der Päpste. Avignon selbst muss bereits vor unserer Zeitrechnung existiert haben, allerdings gibt es nichts mehr, was daran erinnert. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts, als Papst Clemens V. 1309 den Heiligen Stuhl hierher verlegte, wurde es zur Hauptstadt des Christentums und damit zu einer der meistbevölkerten Metropolen des Okzidents. Fast sieben Jahrzehnte lang lebten und herrschten hier sieben Päpste, bis Gregor XI. 1376 wieder Rom zum Papstsitz machte. An diese knapp 70 Jahre erinnert bis heute ein riesiger Palast mit einer Kathedrale, die sich direkt über der Rhône erheben und zum Wahrzeichen von Avignon geworden sind.

Eben dieses wollten wir uns nun also näher ansehen. Dafür hat man zwei Möglichkeiten: erstens die finanzintensive, wo man sich in der eigenen Sprache erzählen lässt, was man sieht, und zweitens die studentenfreundliche, wo man in Kauf nimmt, dass einem hinterher der Kopf etwas raucht, weil man mittels eines kleinen Wörterbuchs und längst in hintersten Gehirnwindungen verstaubter Französisch- oder Englischkenntnisse die Erläuterungen an den Wänden der einzelnen Säle selbst für sich erschließt. Das ist zwar die aufwändigere der beiden Methoden, hat aber neben dem finanziellen auch noch den Vorteil, dass man sich mit dem, was man dort liest, zwangsweise intensiver beschäftigen muss, als wenn es in der Muttersprache an einem vorbeirauscht, und auf diese Weise unter Umständen doch noch etwas mehr im Gedächtnis hängen bleibt. Obwohl in dem Touristenmerkblatt, das man sich in jeder beliebigen Sprache als zweckmäßigen Wegweiser durch das Kreuzgewölbelabyrinth des Palastes greifen kann, das Wesentliche bereits gesagt ist, möchte ich zu einigen Sälen doch noch das hinzufügen, was ich den erwähnten Aushängen entnommen und als besonders interessant empfunden habe.

Wichtig für das Verständnis vieler Dinge, die am Gebäude selbst und innerhalb der Ausstellungen auffallen, ist es zu wissen, dass nach der französischen Revolution von 1789 der Papstpalast einige Jahre lang als Kaserne und Gefängnis diente. So gleichen dann auch die ersten Säle, die man bei der Besichtigung betritt, die Schatzkammer und der Jesussaal, eher einem historischen Museum der Papstzeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts als einem Palast. In der Schatzkammer findet man Gebrauchsgegenstände, Heiligenstatuetten, Münzen und Gemälde mit Stadtansichten aus dem 14. Jahrhundert. Im sogenannten Jesussaal sind neben vielen anderen Dokumente aus den Neunzigerjahren des 18. Jahrhunderts ausgestellt, darunter Amnestien, königliche Edikt, eine Verordnung gegen Personen, die sich an fremdem Eigentum vergreifen und die öffentliche Ruhe und Ordnung stören, von 1790 und eine grafische Dokumentation vom Oktober 1791 über die auf Befehl des Armeechefs von Montreux im Palast verübten Massaker. Ein weiterer sehr interessanter Raum ist die Johannes-Kapelle die dem ursprünglich religiösen Charakter des Gebäudes wesentlich mehr gerecht wird. Hier hatten wir das Glück, in eine deutschsprachige Führung hineinzurutschen, sodass auf diese Weise einige doch noch vorhandene Unklarheiten beseitigt werden konnten. Die Kapelle selbst ist nach Johannes dem Täufer und Johannes dem Evangelisten benannt, was auch die Fresken an den Wänden und der Decke widerspiegeln. Hier hörten wir auch zum ersten Mal etwas über die Entstehung von Fresken. Der Begriff selbst kommt vom italienischen „fresco“, was auf Deutsch „frisch“ bedeutet. Das hängt damit zusammen, dass die Farbe auf den noch feuchten Mörtel des Mauerwerks aufgebracht wird und dann mit ihm gemeinsam trocknet. Leider sind viele der Gemälde bereits stark beschädigt, da die Insassen des Palastes, als er zur Kaserne umfunktioniert war, Stücke aus den Wänden herausgebrochen und weiterverkauft haben. Die Berliner Mauerspechte haben also, wahrscheinlich ohne es zu wissen, eine bereits 200-jährige Tradition fortgesetzt.

Etwas später kamen wir in den Grand Tinel, den großen Festsaal, dessen ursprünglicher Wand- und decken Schmuck allerdings bei einem Brand im Jahr 1413 vernichtet wurde. Heute hängen stattdessen zwei Gobelins aus dem 18. Jahrhundert an der Hauptwand. Kurz darauf betritt man den sogenannten Prunksaal, der eigentlich das Vorzimmer für die Audienz beim Papst darstellte. Auch hier findet man Goblins aus dem 18. und 19. Jahrhundert, auf denen sowohl biblische als auch weltliche Szenen abgebildet sind. Interessant in diesem Raum ist, dass er aufgrund seiner großen Höhe nach der Revolution durch Ziegelsteine noch weiter in drei einzelne Etagen unterteilt wurde, um noch mehr Gefangene und Soldaten unterbringen zu können. Die Spuren davon sind heute noch im Gemäuer sichtbar. Nachdem man sich von dort aus sowohl durch vorbeiziehende Touristenströme als auch Schlaf- und Arbeitszimmer des Papstes geschlängelt hat, gelangt man in die Nordsakristei. Dort sind Skulpturen der Leute, die zur Papstzeit historisch eine große Rolle gespielt oder den Heiligen Vater besucht haben. Außerdem befinden sich dort Grabmale, unter ihnen das eines Kardinals. Direkt an die Sakristei schließt sich die Große Kapelle an. Dieser Saal ist wie die meisten anderen des Palastes auch durch relative Schmucklosigkeit gekennzeichnet, die man sonst von der katholischen Kirche nicht gewöhnt ist. So wurde der Saal im 14. Jahrhundert nicht mit Malereien verziert, sondern an Feiertagen mit Wandteppichen behängt. Ebenfalls für katholische Verhältnisse sehr spartanisch wirkt der Altar, der bei einer Raumhöhe von 19,50 m nur etwa 3 m groß ist und lediglich aus sechs Kerzen in Goldleuchtern und einem Goldkreuz auf einem weißen Sockel besteht.

Insgesamt ist der Palast also durchaus wert, dass man einiges an Zeit investiert und sich etwas länger darin aufhält. Unser Besuch dauerte etwa anderthalb bis 2 Stunden. Danach hat uns zwar der Kopf wegen des vielen Französisch ganz schön geraucht, aber wir hatten das Gefühl, dass es sich auf jeden Fall gelohnt hat. Anschließend waren wir noch in der zur Papst Residenz gehörenden Kathedrale, die, wie könnte es in Frankreich anders sein, natürlich „Notre-Dame“ heißt, in diesem Fall „Notre-Dame des Doms“. Auch auf das Inventar dieser Kirche trifft zu, was ich bereits zur großen Kapelle gesagt habe: Der Altar ist im Verhältnis zur Höhe recht klein, dafür gibt es allerdings, wie auch in vielen anderen gotischen Gotteshäusern in Frankreich, viele einzelne Nebenaltäre in Seitennischen. Trotzdem findet man auch einige Besonderheiten im Vergleich zu anderen Kircheneinrichtungen, zum Beispiel Jesusdarstellungen, die vom üblichen Kreuz stark abweichen, zum Beispiel Jesus gefesselt vor der Kreuzigung. Die Orgel befindet sich links vom Mittelschiff, direkt über dem Stuhl, auf dem die Päpste gesessen haben. Auch stehen in der Kirche überall vor den einzelnen Altären Blumen, jetzt, der Jahreszeit entsprechend, Gladiolen. Hinter dem Altar sind natürlich die Bilder aller sieben Päpste zu sehen. Außerdem sind die Wände mit Gemälden, Skulpturen und Stuckarbeiten verziert. Über dem Hauptaltar sind noch sehr gut erhaltene Fresken zu erkennen. Außen auf der Kuppel steht eine Madonnenstatue, die den höchsten Punkt des gesamten Stadtzentrums bildet.

 
Nach der Besichtigung des ganzen päpstlichen Terrains gingen wir über den Rathausplatz der Stadt, wo ein schwarz gekleideter Performance-Künstler gerade damit beschäftigt war, auf durchaus sympathische Art seine Ausstrahlung auf Kinder und ältere Damen auszuprobieren. Anschließend spazierten wir durch die zum Papstpalast gehörenden Gärten zur berühmten und viel besungenen Brücke von Avignon, von der aber nur noch ein Fragment erhalten ist, sodass man auf ihr nicht mehr die Rhône überqueren kann. Auf dem Weg dorthin gerieten wir allerdings mitten im Palastgebäude noch in eine kleine Ausstellung von Jean Rollan, einem modernen Maler, der sich ausschließlich mit der Darstellung verschiedener Tierarten befasst und dabei offensichtlich auch auf asiatische Traditionen zurückgreift.

 
Als wir nach diesen Sehenswürdigkeiten wieder auf unserem Zeltplatz am anderen Flussufer ankamen, waren wir rechtschaffen k.o., hatten aber festgestellt, dass Avignon dem ersten Eindruck, den es als Stadt auf uns gemacht hat, mehr als gerecht wird.


 
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