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Gut kopiert ist halb gewonnen

Er ist wohl der bekannteste Hase der Kunstgeschichte: der Feldhase, den Albrecht Dürer vor mehr als 500 Jahren mit Aquarellfarben auf Papier für alle Zeiten festgehalten hat. In Nürnberg, der Dürer-Stadt, ist er selbstverständlich omnipräsent, wenn auch nur in Form von Souvenirs aller Art: Ob als Postkarte oder Kühlschrankmagnet, als Lesezeichen oder künstlerische Reproduktion - man kommt in der fränkischen Metropole nicht an ihm vorbei. Das Original dazu wird man hier allerdings vergeblich suchen, denn es befindet sich seit vielen Jahren in der Wiener Albertina, wo es allerdings nur alle fünf Jahre einmal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Das ist nämlich das Problem der Dürer-Grafiken: Sie dauerhaft auszustellen ist aus konservatorischer Sicht unmöglich.

Genau demselben Problem sieht sich auch das Albrecht-Dürer-Haus in Nürnberg gegenüber, das eines der wenigen trotz des Krieges erhalten gebliebenen Gebäude der Altstadt ist. Bereits 1828 war das einzige Künstlerhaus des Spätmittelalters außerhalb Italiens die erste Künstler-Gedenkstätte dieser Art in Nordeuropa. Von der Inneneinrichtung ist allerdings nichts mehr erhalten geblieben, und so können nur Mutmaßungen darüber angestellt werden, was sich in welchem Raum befunden hat und wozu er gedient haben könnte. Einzig und allein bei der Küche bestehen darüber wohl keine Zweifel.

Da Dürer schon zu Lebzeiten einer der am meisten gesammelten Künstler war, ist es auch kein Wunder, dass die Begehrlichkeiten, eines seiner Werke zu besitzen, bereits damals groß waren. Inzwischen sind sie über Museen in der ganzen Welt verstreut. Man findet sie in Prag und Madrid, in Wien und Washington, in der Münchner Alten Pinakothek, nur nicht in Nürnberg. Selbst das Bildnis der vier Apostel, das Dürer ausdrücklich für alle Zeiten der Stadt Nürnberg vermacht hatte, ist inzwischen eigene Wege gegangen. Schon 1627 wurden die beiden Tafeln vom Kurfürsten Maximilian von Bayern nach München geholt.

Gibt es dennoch einen Grund, sich das Dürer-Haus nicht nur von außen anzusehen? Oh ja, den gibt es. In höchst interessanter Weise hat man hier aus der Not eine Tugend gemacht und Kopien der verschiedensten Werke des Alten Meisters zusammengetragen, die ebenfalls zu verschiedenen Zeiten entstanden sind. Als zum 400. Todestag des Künstlers eine große Ausstellung in Nürnberg stattfand, wurden noch einmal viele Originale an die Stadt ausgeliehen. Diese erteilte daraufhin ortsansässigen Malern den Auftrag, die berühmten Kunstwerke zu kopieren. Nun befindet sich hier die weltgrößte Sammlung von Dürer-Kopien. Man findet hier also Selbstporträts und das Bildnis des Vaters, die „Anbetung der Könige“ und „Adam und Eva“.

Allein von dem berühmten Selbstbildnis aus dem Jahr 1500 gibt es drei verschiedene Versionen, die auch sehr unterschiedlich gut gelungen sind. So begrüßt einen eine Reproduktion des Originals in zehnfacher Vergrößerung bereits im Eingangsbereich zur Ausstellung und gibt schon einen Vorgeschmack darauf, dass hier versucht wurde, der Faszination Dürer auch mit ausgesprochen modernen technischen Mitteln beizukommen.

Auf einer digitalen Bildtafel kann man zu jedem seiner 43 Schaffensjahre ein Bild heranzoomen und die entsprechenden Informationen lesen. In weiteren Ausstellungsräumen erhält man dann mit Hilfe von Bildschirmen sowohl Informationen über Dürers Nachbarn im Nürnberg am Anfang des 16. Jahrhunderts, das damals noch eine überaus wohlhabende Reichsstadt war und viele bedeutende Persönlichkeiten anzog, aber auch Bilder seiner Zeitgenossen in Deutschland, Italien und den Niederlanden betrachten, die damals ebenfalls eine Blütezeit erlebten.

Zum allerersten Mal bei meinen durchaus zahlreichen Museumsbesuchen habe ich im Dürer-Haus eine Kombination aus Vitrine und Bildschirm gesehen, bei der die Frontscheibe als Touchscreen funktioniert und man sich auf diese Weise zusätzliche Informationen zu den dahinter liegenden Exponaten holen kann.

Aus all diesen Gründen habe ich es keinen Moment lang bereut, ein  Museum betreten zu haben, das de facto über keine Originalexponate verfügt, dieses Manko aber durch ein sehr interessantes Konzept und viele visuelle aber auch über einen Audioguide verfügbare Informationen mehr als wettmacht.
 
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