- Literatur - Reiseblog

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Viele Fahrräder und nette Menschen

 
Dies ist zugegebenermaßen wieder ein Titel aus der Reihe der klischeebeladenen Überschriften, doch er trifft genau unsere Eindrücke von einem Kurztrip in die niederländische Stadt Groningen, die mit ihrem Umland gewissermaßen die Pufferzone zwischen Westfriesland und Ostfriesland bildet. Schon unser erster Blick auf die Stadt, nachdem wir aus dem Parkhaus getreten sind, gibt uns einen Eindruck davon, warum Groningen auch das „Kleine Amsterdam des Nordens“ genannt wird. Der erste Kanal, den wir zu sehen bekommen, ähnelt sehr den Grachten, die wir aus der Hauptstadt kennen, und auch der Anblick der vielen Hausboote ist uns durchaus vertraut. Die rotverklinkerten Häuser mit den Stufengiebeln erinnern zudem auch stark an das Holländische Viertel in Potsdam, sodass mehr als deutlich wird, woher dieser Straßenzug seinen Namen hat.
 
Auffällig für einen deutsche Verkehrsverhältnisse gewöhnten Touristen ist natürlich der überaus hohe Anteil an Radfahrern, die zwar nicht so selbstmörderisch unterwegs sind wie viele ihrer Gleichgesinnten in Berlin, dafür aber allein durch ihre Masse bereits dafür sorgen, dass sich sämtliche anderen Verkehrsteilnehmer – ob Fußgänger oder Autofahrer – nach ihnen richten.
 
Da wir beschlossen haben, einfach nur durch die Stadt zu schlendern und die Atmosphäre zu genießen, liegt unser Hauptaugenmerk bei diesem Ausflug nicht so sehr auf Museen und anderen bildungsintensiven Sehenswürdigkeiten, sondern darauf, das Flair der Stadt in uns aufzunehmen und hier und da einen Blick zu riskieren – wenn schon nicht hinter Fassaden, so doch zumindest auf jene Gebäudeteile, Höfe etc., die sich dem Besucher von sich aus sozusagen „freiwillig“ präsentieren.
 
Ein von unserer Seite wenn auch ungewollt, so doch - im Nachhinein betrachtet - nicht ganz diskreter Einblick dieser Art führte zu einer sehr netten Begegnung, die sich als symptomatisch für den Umgang der Menschen mit uns in diesen wenigen Stunden erweisen sollte. In einem Fenster saß hinter der Scheibe eine kleine graue Katze, die zwischen den sie umgebenden Grünpflanzen ausgesprochen malerisch aussah. Wir freuten uns, dass sie stillhielt, und fotografierten sie. Als wir weitergehen wollten, hörten wir plötzlich hinter uns ein Klopfen. Da niemand von uns dieses Geräusch verursacht zu haben schien, drehten wir uns um, um nachzusehen, woher es wohl gekommen sein konnte. In diesem Moment erblickten wir in demselben Fenster eine zweite Katze und hinter ihr im Zimmer eine Dame im Jogginganzug, die uns freundlich zuwinkte. Offenbar hatte sie auch ihre zweite Katze zum Fenster geschickt, um sie zu uns, die wir doch zumindest mittelbar ungefragt in ihre Privatsphäre eingedrungen waren, zu zeigen.
 
Nachdem wir durch die Innenstadt geschlendert waren, beschlossen wir, ein wenig zu verschnaufen, und setzten uns am Fuße eines Kirchturms auf eine Bank. Gestört wurde diese Ruhe nur von einem Auto, dessen Insassen die vorhandenen Papierkörbe leerten und das die wunderbare Aufschrift „Milieudienst“ trug, was nichts anderes ist als die niederländische Bezeichnung des Umweltamtes. Es hielt direkt neben der Parkbank, und der Fahrer des Fahrzeugs fragte uns in ausgesprochen gutem Deutsch, ob wir denn aus Deutschland kämen. Als wir bejahten, stellte er erst einmal fest, dass wir sicher das tolle Wetter aus Deutschland mitgebracht hätten, und erzählte dann, dass er auch schon in Emden Blumen verkauft habe. Sein nicht ganz branchenspezifisches Fazit war dann: „Bei euch gibt es so tolles Bier! Besseres als in Holland!“ Als ich fragte, warum, erklärte er mir, dass wir ja schließlich ein „Reinlichkeitsgebot“ hätten und dass man in Holland nicht wissen könne, was tatsächlich im Bier sei. Danach verabschiedete er sich und ließ uns in derselben guten Laune, die er verbreitete, zurück.
 
Was von diesem Tagesausflug bleibt, sind sehr freundliche Erinnerungen an Begegnungen mit Menschen, die wir nicht einmal kannten und die trotzdem sehr nett zu uns waren, und das Gefühl, dass auch ein einziger Tag in einer alten und sehr sehenswerten Stadt schon einen beachtlichen Erholungswert haben kann.

 
 
(Dieser Blogeintrag ist ein Auszug aus der gleichnamigen Reiseskizze, die demnächst in meinem Buch „Höhenangst in Paris, böhmische Drachen und eine wenig bekannte Wiedergeburt“ im Anthea-Verlag erscheint.)
 
 
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