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Gardinen und Spaghetti unter Tage

 
Ist es sinnvoll, einen fleischfarbenen Schwanzlurch mit degenerierten Augen und roten Kiemenbüscheln am Kopf als Maskottchen zu verwenden? Im landläufigen Sinne sicher nicht einmal dann, wenn man weiß, dass Grottenolme bis zu hundert Jahre alt werden und bis zu zehn Jahre ohne Nahrung auskommen können. Diese Eigenschaften sind von sich aus nicht besonders publikumswirksam. Das müssen sich auch die Marketingexperten der Tropfsteinhöhle im slowenischen Postojna gedacht haben, als sie stattdessen den roten Drachen Jami (vom slowenischen Wort „jama“ für „Höhle“) zu ihrem Besuchermagneten kürten. Wer allerdings das dazugehörige Kinderbuch kauft, erfährt, dass eben dieser Drache nach mehreren Abenteuern zu genau dem Grottenolm wird, der einem, wenn man Glück hat, beim Besuch der Höhle begegnet. Von den Plakaten entlang der Autobahn lächelt einen natürlich der freundliche Drache vor einem Foto der Höhle an.

 
Für uns ging es dann mit einem Mini-Zug in die größte für Besucher zugängliche Höhle Europas. Sie umfasst ein System von Gängen mit einer Gesamtlänge von 21 Kilometern, unsere Führung beschränkte sich jedoch auf fünf von ihnen, die sich 70 Meter unter Tage befanden.  Die Höhle selbst wurde bereits 1213 besucht (zumindest wurde das damals erstmalig dokumentiert), und schon im 16. Jahrhundert erreichten die Forschungen einen ersten Höhepunkt. Auch heute kann man noch einen Eindruck davon erhalten, unter welchen Umständen die Höhlenforscher vergangener Jahrhunderte ihrer Arbeit nachgegangen sind. Für einen kurzen Moment wird nämlich die komplette Beleuchtung ausgeschaltet, sodass man die Dunkelheit, die damals herrschte, im wahrsten Sinne des Wortes hautnah miterlebt.

 
Natürlich gibt es auch bei dieser Führung die für Tropfsteinhöhlen üblichen Erklärungen, was Stalaktiten und Stalagmiten sind, und man sieht auch Stalagnaten, die gewissermaßen die Verbindung zwischen beiden darstellen. Doch man erfährt in der Höhle, in der zu jeder Jahreszeit konstant 8 °C herrschen, noch mehr – nämlich, dass Tropfsteine in zehn Jahren um jeweils einen Millimeter wachsen und dass es verschiedene Formationen von ihnen gibt. So werden ganz dünne lange Tropfsteine als Spaghetti bezeichnet (diese sind auch erst 8000 Jahre alt), während flächige Stalaktiten Gardinen genannt werden.

 
Die Entstehung der Tropfsteine durch unterirdische Wasserzuflüsse im karstigen Gebirgsmassiv wird nicht nur für Erwachsene gut verständlich erklärt – und zur Not hilft für Kinder der Drache Jami mit. Alles in allem ist ein Besuch in der Tropfsteinhöhle ein Naturerlebnis der besonderen Art, das man sich, wenn man in der Nähe von Postojna ist, auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

 
(Dieser Blogeintrag ist ein Auszug aus der gleichnamigen Reiseskizze, die demnächst in meinem Buch „Höhenangst in Paris, böhmische Drachen und eine wenig bekannte Wiedergeburt“ im Anthea-Verlag erscheint.)
 
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